Fleisch-PR in der taz

28. Juni 2009

Ich bin kein Vegetarier aus Schuld! Genau das aber hat Till Ehrlich in seinem taz-Artikel “Tofu in der Kulturkritik — Essen ohne Schuld?” vom 27. 06. 2009 impliziert. Meiner Vermutung nach behaupten sowas nur Fleischesser, die von sich auf andere schießen. Verkommt die taz jetzt zum “Wurstblatt”?

Der Artikel steht dort als “Kulturkritik”, scheint aber so gar nicht auf intellektuelles Publikum abzuzielen, sondern kratzt dürftig an der esskulturellen Oberfläche und relativiert ansonsten hauptsächlich die vielen Probleme des industriellen Fleischkonsums, indem er Tofu als Stellvertreter für Vegetarismus angreift. Allerdings ernähren sich Vegetarier überwiegend von anderen Dingen als Tofu. Selbst Fleischersatz wird meistens nicht aus Tofu hergestellt, sondern z.B. aus texturiertem Weizeneiweiß (Seitan). Somit präsentiert der eigentlich gelernte Koch hier hauptsächlich seine Unkenntnis über fleischlose Ernährung, die er bisher vermutlich auch beruflich zelebriert hat, und bedient billige Klischees und Vorurteile.

Er kritisiert, dass Tofu keinen Eigengeschmack habe, “vergisst” aber, dass dies bei rohem Fleisch nicht anders ist. Und er konstruiert Widersprüche, die nicht existieren. Wurstaroma ist durchaus kein Widerspruch zu fleischloser Ernährung, da Vegetarismus vielerlei Motivation haben kann. Einer davon mag sicherlich sein, dass man sich vor Fleisch ekelt — diese Leute werden auch kein Wurstaroma mögen. So ziemlich alle anderen Motivationen für vegetarische Ernährung, also gesundheitliche, politische, ethische, tierrechtliche, ökologische etc. beziehen sich vor allem auf die Herstellung des Fleischs und die Folgen des Konsums, aber überhaupt nicht auf den Geschmack. Diejenigen Vegetarier, die mit regelmäßigem Fleischkonsum aufgewachsen sind, greifen nicht aus Drang sondern höchstens aus Gewohnheit hier und da auch schon mal zum Wurstaroma. Wer aber ohne die Fleischorgien des letzten Jahrhunderts aufgewachsen ist wird jene im Erwachsenenalter aber erst recht nicht missen. Ich empfinde solche Produkte als Bereicherung des Speiseplans, zumal viele gar nicht den Charakter eines Ersatzes haben sondern ihre eigenen Qualitäten mitbringen.

Till Ehrlich hat allein damit recht, dass wir Tofu nicht auf breiter Ebene in unsere Kultur integriert haben, aber das hätte mich auch überrascht. Wenn sich unsere Esskultur ändert, dann tut sie das über längere Zeiträume, über Generationen hinweg. Im Zuge dessen bilden sich dann evtl. auch neue Traditionen aus, deren heutiges Fehlen er aber lieber den Eigenschaften des Tofus anlasten will. Zu unrecht.

Im Sinne einer Kulturkritik versagt dieser Artikel also auf ganzer Linie. Die Thematiken “Gentechnik vs. Bio” oder “Essensqualität für Arme und Reiche”, die er sogar kurz anschneidet, wären durchaus wichtige Themen gewesen, in die man hätte tiefer einsteigen sollen. Aber er verliert sich leider in einer subtilen Tirade auf die ach so kulturlosen Vegetarier. Quittiert wurde diese innerhalb eines Tages mit weit über 200 Kommentaren, von denen ihm die allermeisten wehement widersprechen. “Es wird eng für die Fleischisten” kann man dort lesen, und ihm wird Propaganda für die kürzlich aufgelöste CMA unterstellt. Auch sein Versuch, Vegetarismus in die Nazi-Ecke zu stellen (“Tradition der völkisch beeinflussten Lebensreformbewegung”) hat ihm sichtlich keine neuen Freunde eingebracht.

Wer gerne kocht und sich dabei nicht von der englischen Sprache abschrecken lässt, dem empfehle ich den Video-Podcast Totally Vegetarian von Toni Fiore, einer deutsch-italienischen Amerikanerin, deren Kochkünste ich jederzeit denen eines Till Ehrlich vorziehe, und von denen so macher Leitkultur-Koch noch etwas lernen kann.

EU-Wahl 2009

5. Juni 2009

Hier präsentiere ich meine TOP5-Wahlempfehlungen:

GRÜNE
Sie wollen mit einem grünen “New Deal” Ökonomie und Ökologie verbinden. Unter den etablierten sind die Grünen die einzige Partei, die eine vertretbare bzw. überhaupt eine Netzpolitik sowie die Stärkung von Bürgerrechten und Datenschutz im Programm haben. Aber die ökologisch-soziale Bildungs- und Gleichberechtigungs-Politik steht bei ihnen natürlich im Vordergrund. Mit ihrer Europapolitik sind sie mir bisher tendenziell positiv aufgefallen, aber für eine schlanke und von allen Mitgliedsstaaten gewählte EU-Verfassung versuchen sie leider auf dem sehr umstrittenen Vertrag von Lissabon aufzubauen.

PIRATEN
Sie wollen die Internetgeneration vertreten. Die Piraten betreiben als Themenpartei hauptsächlich Netzpolitik. Sie propagieren ein zeitgemäßes Urheberrecht, wollen die ausufernde Überwachung abbauen sowie Informationsfreiheit, Bildung, Datenschutz und Privatsphäre stärken. Motto: Gläserner Staat statt gläserner Bürger. In der EU wollen sie mehr Subsidiarität verankern, die EU-Verfassung soll transparent erarbeitet und von allen EU-Völkern gewählt werden. Da die schwedische Piratenpartei kürzlich massiven Zulauf hatte, wird die junge politische Bewegung wahrscheinlich schon im kommenden EU-Parlament vertreten sein.

EDE
Sie setzt sich für die Nutzung der Sprache Esperanto ein, um den demokratischen Dialog und die gesamteuropäische Identität zu stärken, ohne nationale Identitäten in Frage zu stellen. Mit Esperanto als politischer Verkehrssprache könnte die extrem aufwändige Übersetzungsbürokratie in der EU stark vereinfacht werden. Die junge Vereinigung Europa-Demokratie-Esperanto steht ansonsten für Verständigung, Frieden und humanistische Ideale, zur EU-Verfassung gibt es aber leider keine eindeutige Position.

DIE LINKE
Sie könnte für diejenigen interessant sein, die vor dem Schröder’schen Rechtsruck traditionell sozial-demokratisch gewählt haben. Die Linken sind ähnlich sozial-konservativ wie die SPD früher und haben ein deutlich besseres Angebot als es ihr Ruf zulässt. Sie sind keineswegs Europa-Gegner, sondern wollen ein konsequent soziales Europa ohne Marktradikalismus, ohne Kriegseinsätze, und sie wollen dies auch in der EU-Verfassung festschreiben.

DIE FRAUEN
Sie wollen eine Wirtschaft, die dem Menschen dient, und ein Europa der sozialen Gerechtigkeit. Auch wenn der Name das nicht vermuten lässt, dürfen Männer diese Partei wählen und ihr beitreten, die Schwerpunkt-Klientel ist aber natürlich trotzdem weiblich. Die feministische Partei wehrt sich gegen das Patriarchat, und ihr Programm erscheint dabei gar nicht so weit von diversen grünen (Gleichberechtigung) und linken Positionen (gewaltfreie Gesellschaft) entfernt zu sein. In die EU-Verfassung würden sie überwiegend soziale, humanistische und pazifistische Ziele aufnehmen.

BGE: Falsche Priorität von Erwerbsarbeit

3. Juni 2009

Ich habe einen Erwerbsarbeitsplatz und mag ihn sehr. Warum ich trotzdem ein Grundeinkommen befürworte? Weil ich es für bedenklich halte wie stark sich unsere Gesellschaft über Geld und Arbeit definiert. Erwerbsarbeitsplätze spiegeln aber genau das wider: Sie entstehen und bleiben nicht dort, wo es gesellschaftlich sinnvoll wäre, sondern immer nur dort, wo es für andere profitabel ist.

Die Profitgier hat uns unzählige sinnlose Arbeitsplätze beschert, die zwar zur Geldvermehrung für einige wenige führen, aber nichts Sinnvolles für unsere Gesellschaft beitragen. Sie führt dazu, dass die Gehälter für gleichwertige Arbeit weit auseinanderklaffen, Frauen chronisch benachteiligt werden und Wildfremde uns am Telefon mit unseriösen Angeboten belästigen. Inhaltsloser Konsum steht im Vordergrund. Natürlich gibt es auch viele sinnvolle Tätigkeiten, die zum Glück noch bezahlt werden, aber diese sind in der Minderheit. Es gibt hier und dort ein paar Eingriffe des Staates, um gesellschaftlich relevante Belange zu stützen, aber punktuelle Eingriffe können niemals einen ausreichenden Gegenpol zu den unberechenbaren Dynamiken des Marktes sein. Der Markt hat uns doch immer wieder gezeigt, dass er kein Ersatz für Gesellschaftspolitik ist, noch nie war.

Was im Markt konstant unter den Tisch fällt ist die heute unbezahlte Arbeit. Familienarbeit. Kindererziehung. Pflege von Angehörigen. Ehrenamtliche Arbeit jeglicher Couleur. Kulturarbeit. Politisches Engagement. Menschen helfen. Erfüllung des Lebens mit Sinn. Das alles ist viel wichtiger als die Roulette-Zahlen im Wirtschaftsbericht. Aber dennoch wird diese Form der Arbeit nicht angemessen gewürdigt, weil die plakativen Regeln des Turbokapitalismus und der Human-Kapitalisierung tief in unser Weltbild eingedrungen sind. In Wirklichkeit müsste es umgekehrt sein. Unser Wohlstand hängt sehr stark von unbezahlter Arbeit ab, in der Schweiz wird z.B. sogar 20% mehr unbezahlte als bezahlte Arbeit geleistet.

Politiker denken aber leider nicht an unsere Zukunft, sondern nur an ihre nächste Wahl. Sie rufen deshalb noch immer einseitig zum Erhalt und zum Schaffen von Erwerbsarbeitsplätzen und Wachstum auf. Opels Arbeitsplätze werden medienwirksam gerettet. Das ist leider nur billigster Populismus, denn der bezahlte Job kann nicht alles sein. Die Produktivität steigt, aber mit immer weniger Arbeitsplätzen. Es muss in Deutschland mehr darüber aufgeklärt werden, dass unter diesen Umständen eine Agenda, die sich hauptsächlich um Erwerbsarbeitsplätze und die Mär von Wachstum und Vollbeschäftigung dreht, in eine sehr üble Sackgasse führt.

Rationalisierung wird auch weiterhin zum Abbau von Erwerbsarbeit führen. Das macht viele betroffen, sollte es aber nicht. Die Menschheit wird sich früher oder später ohnehin von der Erwerbsarbeit lösen — können, zum Glück. Und es gibt genug Finanzierungsmodelle für eine sozial nachhaltige Gesellschaft, die nicht auf der Dominanz der Erwerbsarbeit aufbauen. Wir müssen uns nur endlich trauen, sie zu diskutieren.

Meine Osterpredigt: Ohne Ethik geht es nicht

13. April 2009

Ich hoffe sehr, dass sich die deutliche Mehrheit der Berliner beim Volksentscheid am 26. April 2009 für den Erhalt des gemeinsamen Ethik-Unterrichts aussprechen wird.

Das hoffe ich vor allem, weil ich es für richtig und notwendig halte, dass alle Schüler diesen Ethik-Unterricht bekommen. Wenn Christen und Muslime auf Dauer miteinander auskommen sollen, dann brauchen sie eine gemeinsame Wertevermittlung. In der Schule. Für diese gemeinsamen Werte kommt es weder auf den einen noch auf den anderen Gott an, sondern auf unser Grundgesetz und die Menschenrechte. Ein Ende der Ehrenmorde und der Parallelgesellschaften ausländischer Mitbürger wird es nur geben wenn die kommenden hier aufwachsenden Generationen gemeinsame Werte und Perspektiven vermittelt bekommen und auch über den Tellerrand der eigenen Glaubensrichtung hinausschauen können.

Auf ein ProEthik-Ergebnis hoffe ich nicht zuletzt aber auch deswegen, weil ich es für sehr dreist und spalterisch halte wie die ProReli-Initiative in den letzten Wochen und Monaten die von ihnen angestrebte Verdrängung des Ethikunterrichts zu einer Frage der Wahl-”Freiheit” zurechtgelogen hat. Die beteiligten Kirchen zielen auf eine Aufmerksamkeit in den Stundenplänen ab, die ihnen einfach nicht zusteht. Und mit ihrer volksverdummenden Kampagne haben sie meine gängigen Vorurteile gegen die Kirchen voll und ganz bestätigt. Ich überlege jetzt ernsthaft, aus der Kirche auszutreten, denn sie hat mir damit deutlich gezeigt, dass sie zu meinem Glauben nichts mehr beizutragen hat.


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