Fleisch-PR in der taz
Ich bin kein Vegetarier aus Schuld! Genau das aber hat Till Ehrlich in seinem taz-Artikel “Tofu in der Kulturkritik — Essen ohne Schuld?” vom 27. 06. 2009 impliziert. Meiner Vermutung nach behaupten sowas nur Fleischesser, die von sich auf andere schießen. Verkommt die taz jetzt zum “Wurstblatt”?
Der Artikel steht dort als “Kulturkritik”, scheint aber so gar nicht auf intellektuelles Publikum abzuzielen, sondern kratzt dürftig an der esskulturellen Oberfläche und relativiert ansonsten hauptsächlich die vielen Probleme des industriellen Fleischkonsums, indem er Tofu als Stellvertreter für Vegetarismus angreift. Allerdings ernähren sich Vegetarier überwiegend von anderen Dingen als Tofu. Selbst Fleischersatz wird meistens nicht aus Tofu hergestellt, sondern z.B. aus texturiertem Weizeneiweiß (Seitan). Somit präsentiert der eigentlich gelernte Koch hier hauptsächlich seine Unkenntnis über fleischlose Ernährung, die er bisher vermutlich auch beruflich zelebriert hat, und bedient billige Klischees und Vorurteile.
Er kritisiert, dass Tofu keinen Eigengeschmack habe, “vergisst” aber, dass dies bei rohem Fleisch nicht anders ist. Und er konstruiert Widersprüche, die nicht existieren. Wurstaroma ist durchaus kein Widerspruch zu fleischloser Ernährung, da Vegetarismus vielerlei Motivation haben kann. Einer davon mag sicherlich sein, dass man sich vor Fleisch ekelt — diese Leute werden auch kein Wurstaroma mögen. So ziemlich alle anderen Motivationen für vegetarische Ernährung, also gesundheitliche, politische, ethische, tierrechtliche, ökologische etc. beziehen sich vor allem auf die Herstellung des Fleischs und die Folgen des Konsums, aber überhaupt nicht auf den Geschmack. Diejenigen Vegetarier, die mit regelmäßigem Fleischkonsum aufgewachsen sind, greifen nicht aus Drang sondern höchstens aus Gewohnheit hier und da auch schon mal zum Wurstaroma. Wer aber ohne die Fleischorgien des letzten Jahrhunderts aufgewachsen ist wird jene im Erwachsenenalter aber erst recht nicht missen. Ich empfinde solche Produkte als Bereicherung des Speiseplans, zumal viele gar nicht den Charakter eines Ersatzes haben sondern ihre eigenen Qualitäten mitbringen.
Till Ehrlich hat allein damit recht, dass wir Tofu nicht auf breiter Ebene in unsere Kultur integriert haben, aber das hätte mich auch überrascht. Wenn sich unsere Esskultur ändert, dann tut sie das über längere Zeiträume, über Generationen hinweg. Im Zuge dessen bilden sich dann evtl. auch neue Traditionen aus, deren heutiges Fehlen er aber lieber den Eigenschaften des Tofus anlasten will. Zu unrecht.
Im Sinne einer Kulturkritik versagt dieser Artikel also auf ganzer Linie. Die Thematiken “Gentechnik vs. Bio” oder “Essensqualität für Arme und Reiche”, die er sogar kurz anschneidet, wären durchaus wichtige Themen gewesen, in die man hätte tiefer einsteigen sollen. Aber er verliert sich leider in einer subtilen Tirade auf die ach so kulturlosen Vegetarier. Quittiert wurde diese innerhalb eines Tages mit weit über 200 Kommentaren, von denen ihm die allermeisten wehement widersprechen. “Es wird eng für die Fleischisten” kann man dort lesen, und ihm wird Propaganda für die kürzlich aufgelöste CMA unterstellt. Auch sein Versuch, Vegetarismus in die Nazi-Ecke zu stellen (“Tradition der völkisch beeinflussten Lebensreformbewegung”) hat ihm sichtlich keine neuen Freunde eingebracht.
Wer gerne kocht und sich dabei nicht von der englischen Sprache abschrecken lässt, dem empfehle ich den Video-Podcast Totally Vegetarian von Toni Fiore, einer deutsch-italienischen Amerikanerin, deren Kochkünste ich jederzeit denen eines Till Ehrlich vorziehe, und von denen so macher Leitkultur-Koch noch etwas lernen kann.




Am 29. Juni 2009 um 10:35 Uhr
Dazu gibts nun sogar schon einen Indymedia-Artikel: http://de.indymedia.org/2009/06/254899.shtml
Am 6. September 2009 um 03:06 Uhr
Wolfram, du rockst!
Am 6. September 2009 um 15:38 Uhr
:-)