BGE: Falsche Priorität von Erwerbsarbeit
Ich habe einen Erwerbsarbeitsplatz und mag ihn sehr. Warum ich trotzdem ein Grundeinkommen befürworte? Weil ich es für bedenklich halte wie stark sich unsere Gesellschaft über Geld und Arbeit definiert. Erwerbsarbeitsplätze spiegeln aber genau das wider: Sie entstehen und bleiben nicht dort, wo es gesellschaftlich sinnvoll wäre, sondern immer nur dort, wo es für andere profitabel ist.
Die Profitgier hat uns unzählige sinnlose Arbeitsplätze beschert, die zwar zur Geldvermehrung für einige wenige führen, aber nichts Sinnvolles für unsere Gesellschaft beitragen. Sie führt dazu, dass die Gehälter für gleichwertige Arbeit weit auseinanderklaffen, Frauen chronisch benachteiligt werden und Wildfremde uns am Telefon mit unseriösen Angeboten belästigen. Inhaltsloser Konsum steht im Vordergrund. Natürlich gibt es auch viele sinnvolle Tätigkeiten, die zum Glück noch bezahlt werden, aber diese sind in der Minderheit. Es gibt hier und dort ein paar Eingriffe des Staates, um gesellschaftlich relevante Belange zu stützen, aber punktuelle Eingriffe können niemals einen ausreichenden Gegenpol zu den unberechenbaren Dynamiken des Marktes sein. Der Markt hat uns doch immer wieder gezeigt, dass er kein Ersatz für Gesellschaftspolitik ist, noch nie war.
Was im Markt konstant unter den Tisch fällt ist die heute unbezahlte Arbeit. Familienarbeit. Kindererziehung. Pflege von Angehörigen. Ehrenamtliche Arbeit jeglicher Couleur. Kulturarbeit. Politisches Engagement. Menschen helfen. Erfüllung des Lebens mit Sinn. Das alles ist viel wichtiger als die Roulette-Zahlen im Wirtschaftsbericht. Aber dennoch wird diese Form der Arbeit nicht angemessen gewürdigt, weil die plakativen Regeln des Turbokapitalismus und der Human-Kapitalisierung tief in unser Weltbild eingedrungen sind. In Wirklichkeit müsste es umgekehrt sein. Unser Wohlstand hängt sehr stark von unbezahlter Arbeit ab, in der Schweiz wird z.B. sogar 20% mehr unbezahlte als bezahlte Arbeit geleistet.
Politiker denken aber leider nicht an unsere Zukunft, sondern nur an ihre nächste Wahl. Sie rufen deshalb noch immer einseitig zum Erhalt und zum Schaffen von Erwerbsarbeitsplätzen und Wachstum auf. Opels Arbeitsplätze werden medienwirksam gerettet. Das ist leider nur billigster Populismus, denn der bezahlte Job kann nicht alles sein. Die Produktivität steigt, aber mit immer weniger Arbeitsplätzen. Es muss in Deutschland mehr darüber aufgeklärt werden, dass unter diesen Umständen eine Agenda, die sich hauptsächlich um Erwerbsarbeitsplätze und die Mär von Wachstum und Vollbeschäftigung dreht, in eine sehr üble Sackgasse führt.
Rationalisierung wird auch weiterhin zum Abbau von Erwerbsarbeit führen. Das macht viele betroffen, sollte es aber nicht. Die Menschheit wird sich früher oder später ohnehin von der Erwerbsarbeit lösen — können, zum Glück. Und es gibt genug Finanzierungsmodelle für eine sozial nachhaltige Gesellschaft, die nicht auf der Dominanz der Erwerbsarbeit aufbauen. Wir müssen uns nur endlich trauen, sie zu diskutieren.




Am 18. August 2009 um 12:46 Uhr
Der Ansatz ist wirklich genial – weiter so.