Retro-Kultur: Manie oder Potenzial?

Ein frohes neues Jahr 2008. Möge der Blick auf die Zukunft immer schöner sein als auf die Vergangenheit.

Interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Erkenntnis eines Artikels [via Zeitrafferin], dass wir in einer Zeit leben, in der wir sehr viel auf Retro-Kultur setzen. Zwar findet der Autor nicht so toll, dass wir darüber unsere Gegenwart vernachlässigen. Aber ich sehe diese Gefahr nicht und finde “Retro” im Gegenteil sehr wichtig, und das will ich auch begründen.

Es ist erstmal sehr unterhaltend, sich in andere Zeiten und Orte hineinversetzen zu können, ohne unter der wirklichen Härte ihrer Realität leiden zu müssen. Retro-Feeling bedeutet ein ähnliches Abenteuer wie einen Film oder ein Computerspiel zu erleben. Es regt die Fantasie und die Träumerei an, egal ob man sich den wilden Zwanzigern oder den coolen ‘80er Jahren hingibt. Zeitreise. Allein das macht schon verständlich, dass wir auch in Zukunft immer wieder unsere heutige Zeit in einigen Jahrzehnten rückblickend sehr viel spannender finden werden als jetzt, und dass es ganz normal ist wenn Menschen in der Zukunft erstaunt feststellen werden: “Oh schau mal, die hatten damals noch Verbrennungsmotoren”. Der Blick zurück kann unterstützt von Optik und vielleicht sogar Haptik zu einem besseren Verständnis und Begreifen von Geschichte führen.

Stil-Epochen waren immer fließend. Jede wurde von ihrem Vorgänger beeinflusst und hinterließ ihrerseits Artefakte, die weit über ihre ursprüngliche Entstehungszeit hinausreichten. Nur in einer virtuellen oder künstlichen Welt erscheint ein konsistenter und umfassender Retro-Look realisierbar, und auch nur in der Retrospektive kann man — ohne dabei Geschichtsrevisionismus betreiben zu wollen — Elemente verschiedener oder auch noch niemals dagewesener Epochen isolieren und neu kombinieren. Steampunk könnte es sonst nicht geben. In Museen sind Artefakte zwar auch ganz besonders isoliert, aber sie existieren dort eben nur statisch.

Aber gerade die Konzentriertheit oder die Verschmelzung macht Retro-Kultur zu etwas sehr viel Spannenderem als das Leben in der Originalzeit. Sie muss eben nicht nur ein Festhalten an Altem bedeuten, sondern bietet auch weitere Chancen, auf wertvolle Errungenschaften aus der Vergangenheit zurückzugreifen. Neuerungen und Innovationen garantieren nämlich nicht, dass sich das absolut gesehen Beste immer durchsetzt. Wir tun also gut daran, uns mit klarem Verstand auch von der Vergangenheit inspirieren zu lassen und zu unrecht Verlorenes wieder aufleben zu lassen oder früher nicht realisierbare Ideen zur Vollendung zu führen.

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