Atomstrom ist keine Klimalösung
“Otto Pohl
fühlt sich wohl
am Nordpol
mit Atomstrom.”
(Loriot)
Ich kenne Otto Pohl nicht näher, aber vermutlich ist er Mitglied in einer konservativen Volkspartei und hält Atomkraft für aktiven Klimaschutz. Leider ist diese CO2-Lüge der Atomindustrie aus zwei Gründen falsch:
- Zwar wird in AKWs selbst kein CO2 frei, jedoch zum weltweiten Abbau und Transport, zur Wiederaufbereitung sowie zur Endlagerung des für den Betrieb notwendigen Brennmaterials wird jede Menge CO2 aus fossiler Energie freigesetzt. Dieser erhebliche Ausstoß wird von Atom-Befürwortern gerne übersehen, sorgt aber für eine weitaus schlechtere Klimabilanz als die von Biomasse, Wind- und Wasserkraft. Um das Jahr 2050 wird der CO2-Ausstoß von Atomenergie sogar dem von fossilen Gaskraftwerken entsprechen, da für die Extraktion der zur Neige gehenden Uranvorräte zunehmend mehr fossile Energie eingesetzt werden muss.
- Atomkraft wird seit Jahrzehnten vom Steuerzahler unglaublich hoch subventioniert. Ohne die staatlichen Zuwendungen ließe sich Atomkraft überhaupt nicht finanzieren, doch durch unsere Steuergelder ist Atom-Strom für den Endverbraucher billig und für die Betreiber profitabel. Doch anstatt unsere Steuergelder in eine Technologie ohne Zukunft und die vollen Taschen der Betreiber zu versenken sollten damit lieber innovative erneuerbare Energien gefördert werden. Jede weitere Förderung und Verlängerung der Atom-Energie behindert und verzögert die nachhaltige CO2-Reduktion.
Die Gefahren und Probleme der Atomkraft sind in den letzten Jahren in erschreckende Vergessenheit geraten, sind aber so gravierend wie früher: Allein der Abbau von Uran stellt durch freiliegenden verstrahlten Abraum und chemisch belastete Schlämme eine erhebliche Umweltbelastung für die betroffenen Regionen dar. Nicht nur die Bergbauleute aus der Uran-Förderung erkranken früh an Krebs, es überrascht auch niemanden mehr wenn die Zahl der Leukämie-Fälle von Anwohnern in AKW-Nähe deutlich erhöht ist. Saubere Atomenergie, bei deren Betrieb keine Gefahrenstoffe in die Umwelt gelangen, ist eine schöne Theorie, kommt aber in der Realität nunmal nicht vor.
Tschernobyl hat uns deutlich gezeigt welche Folgen ein Atom-Unfall haben kann. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit in der wir den belasteten Regen gemieden haben und in der wir kleine Merkheftchen hatten, in denen stand, welche Lebensmittel stark und welche gering verstrahlt sind. Ein rund 150.000 qm großes Gebiet wurde dauerhaft verseucht. Nach Schätzungen der WHO sind zwischen 14000 und 17000 Menschen an den Folgen der Reaktor-Katastrophe gestorben. Und trotz dieser furchtbaren Erfahrungen weisen auch moderne AKWs noch viele Restrisiken auf. Da lässt die Serie von Pannen beim finnischen Billig-AKW-Neubau in Olkiluoto nichts gutes hoffen. Kleinere und mittelgroße Störfälle gibt es aber auch in den deutschen AKWs wöchentlich bis täglich.
Und am Ende bleiben viele Zehntausende bis Hunderttausende Tonnen nuklearen Abfalls übrig. Das kostet. Sie können nicht entsorgt werden, sondern müssen auf ewige Zeiten lagern. Nicht nur, dass aus gutem Grund niemand ein nukleares Lager bei sich vor der Haustür haben will, aber es ist auch enorm schwierig und wissenschaftlich umstritten überhaupt einen geologisch geeigneten Standort dafür zu finden. Vermutlich werden die Menschen in Norddeutschland den Kürzeren ziehen, denn dort wird jetzt das Tongestein näher unter die Lupe genommen.
In Deutschland wurde 2000 ein halbherziger Atomausstieg beschlossen. Ein sofortiger Ausstieg wäre natürlich auch möglich gewesen, aber die mächtigen Energiekonzerne haben für sich großzügige Restlaufzeiten durchgesetzt. Die Betreiberprofite sind Dank der bereits bezahlen Technik und den viel zu lange gesprudelten Subventionen so hoch wie nie. Und allein deshalb wirbt die Atomlobby wieder für ihr Auslaufmodell, für sie ist Klimaschutz nicht mehr als ein PR-Trittbrett. Ihre Strategie hat bei vielen Erfolg, denn tatsächlich wird Atomkraft von einer breiten Öffentlichkeit maßlos überschätzt. Ihr weltweiter Energie-Anteil liegt bei popeligen 2–3 Prozent und wird in den nächsten Jahrzehnten ressourcenbedingt noch sinken. Die Atomkraft hochzuhalten oder ihren Anteil gar noch erhöhen zu wollen ist einfach dystopisch und unbezahlbar.
Die Idee mit Atomstrom das Klima retten zu wollen ist ein schlechter Witz. Der geringe CO2-Vorteil gegenüber Kohle und Gas kann die vielen Gefahren und gravierenden Probleme bei weitem nicht rechtfertigen und behindert sogar den nötigen Umstieg auf eine moderne und klimafreundliche Energie-Erzeugung. Tatsächlich also ist Atomstrom die schlechteste Klimalösung.



