BGE und Peer Production

12. Januar 2010

Seit einigen Jahren ist mir Oekonux ein Begriff, eine Community, die das Modell der Entwicklung freier Software auf eine allgemeine Wirtschaftsform übertragen möchte. Sie benutzt für ihre Theorie den im wahrsten Sinne des Wortes blumigen Begriff “Keimform”, der unter meinen damaligen Peers in erster Linie für Heiterkeit sorgte. Aber selbst wenn ihre Theorie vielleicht nicht den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen mag, so sprechen sie dennoch einen interessanten politischen Punkt an: eine Gesellschaft, in der man sich frei organisiert ohne das Primat des Kapitals selbst verwirklichen kann. Das Prinzip der “Peer Production” beleuchtet Christian Siefkes in seinem Buch “Beitragen statt tauschen“.

Heute sehe ich ihren Ansatz in Verbindung mit der Idee des Grundeinkommens mit etwas anderen Augen. Die Einführung eines Grundeinkommens würde es wohl erlauben, große Teile ihrer antizipierten Wirtschaftsform umzusetzen. Güter und Dienstleistungen würden zwar nicht einfach aufhören, Waren zu sein, und das Geld würde nicht verschwinden, aber die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen erlaubte die von ihnen ersehnte Selbstentfaltung in frei gewählten Tätigkeiten, und die unter bestimmten Bedingungen sehr fruchtbare Produktionsweise freier Softwareprojekte könnte auf andere Bereiche deutlich ausgeweitet werden. Die Verbindung von Grundeinkommen und Peer Production erscheint mir insgesamt eine sehr natürliche, und ich bin geradezu erstaunt, dass das Grundeinkommen von den Oekonuxern nicht (stärker) propagiert wird. Die ihnen gewiss noch innewohnende Vorstellung, das Kapital vollends überwinden zu müssen, steht dem wohlmöglich im Wege?

Selbst wenn wir mit einem Grundeinkommen das Kapital nicht überwinden werden, sondern uns mit ihm “nur” nachhaltig arrangieren können — was unter den heutigen Bedingungen leider nicht gilt –, wäre viel gewonnen. Der Antrieb zu Arbeit sollte vor allem intrinsischer Natur sein: individuelle Interessen und Ziele, Bildung und Weiterentwicklung, Freundschaftsdienste und Familienarbeit aus Zuneigung und Hilfsbereitschaft. Produktionen müssen in einem entschärften Kapitalismus keine Gewinne abwerfen, solange sie nur Kosten und Steuern decken. Das Streben nach Gewinn könnte sich von außen (Geld) nach innen (Befriedigung) verlagern. Im Mittelpunkt dessen sehe ich ein sinnerfülltes Leben und Streben: organisiert als Peer Production, ermöglicht durch ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Meine Weihnachtsbotschaft: Andacht ohne Gott

26. Dezember 2009

Die Adventszeit ist eine höchst sinnliche Zeit: Zucker und Fett, Alkohol und Gewürze, aber auch jede Menge Kerzen und Lichterketten helfen uns dabei, in der dunklen Jahreszeit (zur Wintersonnenwende) bei Laune zu bleiben. Weihnachten kann ein wunderbar schönes und besinnliches Fest sein, an dem man mit seiner Familie zusammenkommt, ausgiebig tafelt, sich gegenseitig eine Freude macht, zusammen redet, lacht und singt.

Aber in die Kirche sind wir an Weihnachten nie gegangen, und davon war ich noch nie so überzeugt wie heute. Wenn Katrin Göring-Eckardt in der sonntaz meint, dass alle guten Gewissens zum Weihnachtsgottesdienst gehen könnten, weil die christliche Botschaft alles andere als exklusiv für regelmäßige Gottesdienstbesucher sei, dann ändert das nichts an der Tatsache, dass es trotzdem eine christliche — also religiöse — Botschaft ist, und dass der Gottesdienst in der Kirche ein Dienst an einem Gott ist, noch dazu an einem bestimmten.

Dabei ist das Weihnachtsfest schon sehr viel älter als das Christentum, und es hat für viele Menschen gar keine religiöse Bedeutung. Es sollte aber auch mehr als nur ein Konsumevent sein: ein Fest der Liebe. Aber statt eines Gottesdienstes brauchen wir eine Andacht für alle Menschen. Uns eint kein Gott, sondern nur unser Mensch-sein. Unseren blauen Planeten und sein Klima müssen wir selber retten. “Friede auf Erden” ist eine universelle Botschaft, für die es keine Kirche, keinen Geistlichen braucht, sondern Menschen, die die Waffen niederlegen und deren Fabriken schließen.

Atheismus bedeutet nicht, keine Seele zu haben, sondern der Papst seines eigenen Weltbilds zu sein. Jeder kann seine eigene Weihnachtsbotschaft von Frieden und Liebe verkündigen, die Herzen berührt und uns überdenken lässt was wir in dieser Welt noch besser machen können. Deshalb rufe ich jeden Erdenbürger auf, nächstes Jahr zur Weihnachtszeit eine eigene Andacht zu halten, zu organisieren oder einer beizuwohnen. Nicht von und für Gott, sondern in bester humanistischer Tradition von Menschen für Menschen.

Bundestagswahl 2009: Wählen gehen!

27. September 2009

Das ennomane Blog weist zur heutigen Bundestagswahl nochmals auf die Wählbarkeit der Piratenpartei hin, besser hätte ich das auch nicht zusammenfassen können.

Nichtwähler stärken übrigens die CDU, und den Protest mittels ungültiger Wahlzettel wird genau niemand hören. Wählengehen ist allererste Demokratenpflicht, und deshalb werde ich mich jetzt auch nicht mehr lange mit Schreiben aufhalten, sondern gehe gleich los um meinen Änderhaken zu setzen.

Die Presse, der freie Markt und das Grundeinkommen

25. September 2009

Neuerdings soll die Presse durch Stiftungen gerettet werden. Dabei wird nun das gedruckte Wort über das schriftliche Wort im Allgemeinen gehoben, als ob es wahrer oder wertvoller wäre. Christian Stöcker erkennt richtig, dass der sog. Qualitätsjournalismus (bzw. sein Abhandenkommen als Symptom) hierbei vorgehalten wird, tatsächlich aber etwas anderes aufrecht erhalten werden soll. Das ist aber nicht (nur) das Medium Papier als solches, sondern sein alter Markt. Dazu muss zunächst die Frage erlaubt sein, warum Werbung als Finanzierungsmöglichkeit im alten Medium funktionieren soll und im neuen nicht: Haben sich die altbackenen Zeitungsmacher von den Werbern im Internet mit zu niedrigen Banner- und Klickpreisen über den Tisch ziehen lassen, oder waren es die Presseleute selbst, die ihre Printflächen lange Jahre mit überzogenen Preisvorstellungen verkaufen konnten?

Kern des Problems ist aber, dass wir mit dem derzeitigen Wandel nicht nur eine neue Medienlandschaft, sondern damit auch ganz neue Märkte haben, die die alten langsam aber sicher verdrängen, oder zumindest stark verändern. Derartige Umbrüche sind in freien Märkten normal und es wird sie auch in Zukunft geben. Auch schon früher haben “Betroffene” immer empfindlich auf Verändungen reagiert. Das ist verständlich und auch ihr gutes Recht, allerdings sehe ich das im Fall der Presse besonders kritisch. Sie selbst war es doch, die während vieler vergangener Jahre, gerade auch unter der neoliberalen Schröder-SPD, willfährig und viel zu unkritisch die Heilsbotschaften von den unregulierten, freien Märkten unter das Volk brachte und befördert hat. Sie war es auch, die der ungehörigen Neiddebatte eine gesellschaftliche Präsenz mit viel einseitigem Diskus geliefert hat und dabei mithalf, einen Volksaufstand gegen den Hartz-Bürokratismus zu verhindern. Politik wird eben nicht nur in den Erklärungen der Politiker gemacht, sondern mit ihrer Verbreitung bzw. der Nichtverbreitung von Gegenpositionen. Nun sieht sich die Presse selbst einem neuen, freien Markt, Entlassungen und schlecht bezahlter Arbeit gegenüber und jammert über zuviel Konkurrenz und schwindende Einnahmen. Die aufs Abstellgleis geschobenen und für Niedrig- und Hungerlöhne zugerichteten Arbeitnehmer praktisch aller anderen Branchen hatten leider nicht das Privileg so laut schreien zu können wie die Presse.

Nun wäre es allerdings fatal zu verlangen, dass zu Gunsten privatwirtschaftlicher Unternehmen immer wieder neue staatliche Begünstigungen und Rechte eingeführt werden sollten, im Glauben damit könne alles so werden wie es einmal war. Derartiges wird natürlich versucht, und die aktuelle Wirtschaftspolitik samt Fallschirmen für Banken geht sogar weit darüber hinaus. Auch Stiftungen können da nicht mehr leisten als wieder nur kurzsichtig an den Symptomen herumzudoktern. Selbst Mindestlöhne oder die vielbeschworene Kulturflatrate sind letztlich eine vielversprechende, aber eigentlich unzureichende Teillösung für die heutigen Probleme, die nicht nur unsere Nation bewegen, sondern die ganze Welt. Denn was Markt-Ökonomen und ihre Zuhörer stets übersehen ist der Unterschied zwischen ökonomischem Anreiz und menschlichem Zwang (euphemistisch: negativer Anreiz). Unternehmen sind virtuelle Konstrukte, die Menschen dahinter aber nicht. Unternehmen haben eine Gewinnabsicht und einen Anreiz durch Profit. Wenn sie keinen Profit abwerfen, müssen sie sich umstellen oder untergehen: niemand sollte darüber weinen müssen wenn ein virtuelles Konstrukt verschwindet.

Tatsächlich hängen aber immer Menschen mit dran, und diese verschwinden nicht einfach. Menschen werden natürlich auch durch Anreize gelenkt, aber hinter Menschen stehen vor allem natürliche Zwänge: Der Zwang zum Überleben, zum Essen, und zur Fortplanzung. Diese Art von natürlichen Zwängen müssen um ihrer selbst willen befriedigt werden. Manch einer mag mir jetzt widersprechen, aber Zwänge beflügeln Menschen nicht, schon gar nicht wirtschaftlich, und deshalb funktionieren die Hartz-Sanktionen auch nicht. Künstlich geschaffene Zwänge werden ebenfalls nur um ihrer selbst willen befriedigt, wenn das überhaupt möglich ist, und führen nur dazu, Menschen zu unterdrücken (euphemistisch: zu “aktivieren”). Wir dürfen aber Menschen nicht unterdrücken oder untergehen lassen sobald sie keinen Profit mehr abwerfen, oder sie einer rein willkürlich von Eliten getroffenen Definition von gesellschaftlichem Nutzen nicht mehr genügen können; aber genau das tun wir derzeit mit jedem Arbeitslosen, der durch unser aller System, das wir mitgestalten können, in Not gerät. Es ist Usus geworden, jeden Bürger einzeln an die Wand zu stellen und von ihm einen Beitrag zur Gesellschaft zu fordern, aber für das Fördern sind wir dann nicht mehr zuständig, und für profitorientierte Unternehmen werden diese Maßstäbe schon gleich gar nicht angelegt.

Nun haben uns vergangene ökonomische Modelle durchaus (oft mehr schlecht als recht) geholfen, unsere menschlichen Notwendigkeiten zu befriedigen, mit Schrecken müssen wir allerdings heute erkennen, dass bei einer wachsenden Zahl von Menschen das unsrige überhaupt nicht mehr funktioniert. Die Arbeitslosen werden nicht mehr weniger auch wenn man sich das bei Bundesagenturen noch so schönrechnet. Die Märkte wandeln sich schneller denn je, sind weitgehend unreguliert, werden härter und menschenverachtender. Die Rente ist schon lange nicht mehr sicher, die Kinderarmut in Deutschland ist unakzeptabel. Stets versprechen Wirtschaftspolitiker Abhilfe, aber immer nur indirekt, indem sie den virtuellen Konstrukten helfen. Seit Generationen wird vergeblich versucht — und daran wird auch in Zukunft jeder stets scheitern — unseren Markt menschlich zu gestalten. Alles was bisher erreicht wurde, ist nur, die Menschen immer mehr dem Markt anzupassen. Dieser Weg ist falsch und wir sind spätestens jetzt an eine wichtige Grenze gestoßen, an der unsere Humanität und unser Selbstverständnis als Mensch auf eine harte Probe gestellt werden.

Aber was könnte eine Lösung sein? Wir haben im Prinzip zwei Möglichkeiten, die jedoch beide auf eines hinauslaufen müssen, nämlich den Mensch und seine Existenzberechtigung aus den Unwägbarkeiten des Marktes herauszuhalten. Eine Planwirtschaft wäre mit dem heutigen Stand von Wissen und Informationstechnik sicherlich besser machbar als noch vor 50 Jahren, aber gewiss nicht einfacher und auch historisch keine besonders naheliegende Lösung. Die zweite Möglichkeit ist, den freien Markt zu erhalten und auch weiterhin zu fördern, aber jedem Menschen dabei seine persönliche Existenz zu ermöglichen, ohne sich zwingend diesem Markt aussetzen zu müssen. Den freien Markt und den freien Menschen miteinander zu vereinbaren geht letztlich nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.

P.S.: Das Grundeinkommen ist wählbar, bei der Bundestagswahl 2009 durch über 151 Kandidierende in 110 Wahlkreisen.


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